"Der Gotthardpass"

Der Dazio Grande - Seine Geschichte

Corriere Cantonale Uri
Zur Römerzeit führten die strategischen Wege und die Handelsverbindungen N-S im Osten (Graubünden) oder Westen (Grosser St.Bernhard) am Gotthard vorbei. Dieser Pass hatte nur lokale, höchstens aber regionale Bedeutung und musste, bedingt durch die damals unpassierbare Schöllenenschlucht, umgangen werden. Erst anfangs des 13. Jahrhunderts wird der Gotthard passierbar. Die Historiker weisen den, aus dem Wallis ins Urserental immigrierten "Walser", in diesem Zusammenhang einen wesentlichen Beitrag zu.
Strada Urana
Südlich des Gotthards war der Monte Piottino das wichtigste natürliche Hindernis. Es ist bezeichnend, dass gerade dieser Engpass lange Zeit die eigentliche Grenze zwischen der Eidgenossenschaft und Mailand darstellte. So musste Zürich 1351 und Zug 1352, beim Eintritt in die Eidgenossenschaft, den Urkantonen militärische Hilfe bis zum Monte Piottino (Platifer) zusichern. Ebenfalls bezeichnend ist die Tatsache, dass gerade hier der wichtigste Zollposten südlich des Gotthardpasses eingerichtet wurde. Der Piottino musste, wie im Norden früher die Schöllenen, bis Mitte des 16. Jahrhunderts umgangen werden. Der grosse N-S Handelsweg benutzte dabei die rechte Talflanke, d.h. Von Faido aufsteigend nach Piana-Selva-Dalpe-Prato-Rodi. Anfangs des 14. Jahrhunderts wurde der lange Umweg über Dalpe durch eine direktere Verbindung abgelöst. Durch den Bau der sogenannten "Strada Romana" (der den Römerstrassen ähnliche Belag gab diesem Säumerweg den Namen) wurde der Plottino Höhenzug oberhalb von Morasco direkt überquert. Bereits 1495 erwirkten die Urner bei der eidgenössischen Tagsatzung weit höhere Zolltarife, um eine direkt durch die Schlucht führende Strasse bauen zu können. Diese "Urner-Strasse" wurde 1555-1561 gebaut. Erst nach einer weiteren Zollerhöhung auch die Biaschina-Strasse (Irniger Strasse). Seit 1830 erlaubte die neu errichtete Kantonsstrasse eine Durchfahrt von Fuhrwerken und 1842 dann auch von Postkutschen. lm Winter wurden, wenn möglich, Schlitten eingesetzt. Durch den 1934 gebauten Tunnel geriet die alte Urner Strasse in Vergessenheit und verkam zusehends. Dank des ausserordentlichen Einsatzes der "Associazione Pro Media Leventina" in Faido und des Kantons Tessin erlebt der frühere Urner Saumweg heute eine wunderbare Neuentdeckung.
Slitte

Der Dazio Grande - Seine Geschichte

1561, gleichzeitig mit dem Bau der neuen Urner Strasse durch die Piottino-Schlucht, wurde auch das Zollgebäude "Dazio Grande" fertiggestellt. Ein Fresko von 1561 belegt die Einweihung von Strasse und Gebäude durch den Urner Landammann Kaspar Imhof und den Landvogt für die Leventina Martin Droesch (Tresch).

stemma Martin Tresch
Karl Borromäus, der 1567 die Leventina erstmals besucht hat (weitere Besuche 1570, 1578 und letztmals 1581), war sicher einer der ersten bedeutenden Gäste im Dazio und hat vielleicht auch den Bau der Kapelle gegenüber dem Dazio veranlasst. Die Kapelle wurde 1594 durch den Erzbischof von Mailand, Gaspare Visconti, geweiht. Das Kirchlein wurde 1872 anlässlich des Baus der Gotthardbahn abgerissen und 100 m weiter westlich wieder aufgebaut. Bis 1830 war zwischen Zollhaus und Kirche ein grosses Tor angebracht, um die Strasse nachts sperren zu können. Der Dazio besitzt sehr schöne Fresken, Granitöfen, wunderbares Dachgebälk, mächtige Kellergewölbe und einen grossen Brotofen aus dem 18. Jahrhundert. Leider sind die Inneneinrichtung und sämtliche Dokumente einige Jahre vor der Gründung der Stiftung Dazio Grande, 1989, entwendet worden. Zurück zur Geschichte: Der Dazio Grande wird erstmals 1572 in einem Urner Dokument erwähnt. Der Zöllner, fast immer ein Urner, wurde für 6 Jahre gewählt und musste eine hohe Kaution von 2000 Gulden hinterlegen (das doppelte von derjenigen des Zöllners in FIüelen). Er bewohnte das Zollhaus, betrieb gleichzeitig die damals schon eingerichtete Herberge und bezog ungefähr 10% des "Umsatzes" als Entlöhnung. Sehr bedeutende Persönlichkeiten, z.B. Alessandro Volta, De Saussure, G.C. Scheuchzer und viele andere berichteten in farbiger Sprache von ihren Erlebnissen in der Piottinoschlucht und vor allem im Dazio. So berichtete der Hl. Karl Borromäus anlässlich einer seiner Reisen durch den Piottino: "Das schreckliche Getöse der wilden Wasser, die den Stein zernagen, dann der Aufstieg zur lieblichen Ebene oberhalb des Dazio Grande, mit Blümchen übersät, wo aber ausser einigen wilden Kirschen und etwas Getreide keine sonstigen Früchte gedeihen". Zolleinnahmen des Dazio sind erst ab 1756 fassbar, machten indessen in gewissen Jahren bis zu 30% der Gesamteinnahmen des Kantons Uri aus. Als die Leventina 1803 von der Landvogtei befreit worden war, wechselte der Besitz des Dazio, der Stallungen, des Kirchleins und des Umschwungs von Uri zum Kanton Tessin, dies allerdings nach langen, zähen Verhandlungen, die von 1804 bis 1846 dauerten. Die Zollfunktion wurde 1837 auf den Gotthardpass verlegt. Während schon 1804 im Dazio eine Postablage eingerichtet worden war, gingen 1849 Post und Zölle an die Eidgenossenschaft über. Giuseppe Gianelia, "Minore" von Dalpe, wurde kantonaler bevollmächtigter Posthalter. Die Poststelle selbst wurde dann 1904 zum Bahnhof Rodi-Fiesso verlegt. Die gesamte Dazio Liegenschaft ging 1868 vom Kanton an die Familie Gianella-Sartore von Dalpe über. Die letzten Nachkommen dieser Familie, 4 Töchter, im Elsass ansässig, verkauften das Anwesen 1988 der Familie Manzocchi von Rodi, von welcher die "Stiftung Dazio Grande" das Hauptgebäude mit Garten erwerben konnte. 2001 wurden auch die Stallungen und das umliegende Gelände gekauft. 2002 schenkte die Timcal SA Bodio der Stiftung 17732 m2 Land, inklusive dem Dazio Vecchio. Im selben Jahr vermachte die Gemeinde Prato (Leventina) das Dazio-Kirchlein der Stiftung, so dass heute die Gesamtheit des damaligen Urner Zolls von der "Stiftung Dazio Grande" betreut wird.
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